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Seminar für Christlichen Orient und Byzanz - Orientalisches Institut - MLU Halle-Wittenberg
Donnerstag, 17.05.2012

Das Seminar - Lehr- und Forschungsschwerpunkte

Armenien

Armenien, die Heimat des Kupfers, der Sonnenuhren und Aprikosen. Ein Land übersät mit Felsenzeichnungen und Keilschriften, steinernen Riesen und den Vishap-Drachen-Kultsteinen (welche später in die Kreuzsteine umgewandelt wurden), Feuerkultaltaren, auf denen die christlichen Kirchen hervorragen und heidnischen Tempeln. Das Land der hängenden Semiramis-Gärten. Aber auch das Land der von Erdbeben oder Eroberern zerstörten Klöster und Kirchen.
So zeigt sich Armenien heute dem Besucher. Ein Land, in dem zahlreiche Kulturen zusammengewachsen sind und das in Verbindung mit dem Christentum eine unverwechselbare christlich-armenische Kultur entwickelt hat.

Geografie

Einst eine Großmacht der Antike, die in den Zeiten ihrer größten Ausdehnung unter Tigran dem Großen im 1. Jh. vor Christus das Gebiet zwischen dem Kaspischen, Schwarzen und Mittelmeer umfaßte, ist die armenische Republik heute ein kleines Land mit noch etwa einem Dreizehntel des ursprünglichen Territoriums.

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Bildnachweise

Das historische Kerngebiet liegt zwischen dem Vansee (heute in der Türkei), dem Urmiasee (heute im Iran) und dem Sewansee (heutiges Armenien). Es hat eine Größe von ca. 30.000 km² (in etwa so groß wie Belgien) und drei Millionen Einwohner.

Volk & Religion

Rund vier Millionen Armenier leben heute verstreut über die ganze Welt, nachdem sie durch Völkermord Anfang des vergangenen Jahrhunderts ihrer Heimat in Westarmenien (heute Osttürkei) beraubt und von dort vertrieben wurden. Viele fanden Zuflucht unter anderem in den USA, Frankreich, Libanon, Syrien und Russland.
Die Armenier sind stolz, Träger einer alten Weltkultur und gleichzeitig das erste christliche Volk in der Geschichte der Menschheit zu sein, das noch vor der Einführung des Christentums im Römischen Reich als Ethnos unter seinem König Tiridates das Christentum angenommen und zur staatlichen Religion erhoben hat. Drei Sinnbilder stehen für diesen Stolz: 1) Der heilige Berg Ararat, der höchste Berg des armenischen Hochlands (5165 m), 2) das armenische Alphabet und 3) Edschmiatzin, das geistliche Zentrum aller Armenier, die "Mutterkirche" der gesamten armenischen Christenheit. Sie sind die Identitätssymbole der Armenier.

Sprache

Unter den Sprachen und Literaturen des Christlichen Orients vom Kaukasus bis zum Horn von Afrika nimmt das Armenische insofern eine Sonderstellung ein, als es nicht zum semitischen, hamitischen oder kaukasischen Sprachkreis gehört, sondern die einzige indogermanische Sprache dieser Region ist.
Sprachgeschichtlich umfaßt sie drei Entwicklungsperioden: Altarmenisch, auch grabar (Schriftsprache) genannt (vom 5. - 12. Jh.), Mittelarmenisch (mijin hayeren, vom 13.-17. Jh.) und Neuarmenisch (zamanakakic oder ardi hayeren, ab dem 18. Jh.) mit seinen zwei literarischen Varianten Ost- und Westarmenisch. Diese basieren auf Mundarten des Ararat Tales (Ostarmenisch) und Konstantinopels (Westarmenisch).

Literatur

Mit dem Zitat aus der Bibel "Dass man Weisheit und Zucht kennenlerne, die Worte der Einsicht verstehe ..." (Sprüche Salomonis 1,1), dem ersten Satz in armenischer Schrift, beginnt 405 die Geschichte der armenischen Literatur.

Die literarischen Gesetzmäßigkeiten, die für das gesamte Kulturareal des vorderorientalischen, osteuropäischen und byzantinischen Mittelalters charakteristisch sind, bestimmen auch die Entwicklung des Literaturprozesses in Armenien. Die Kenntnis der armenischen literarischen Tradition trägt zum tieferen Verständnis des Wesens und der Aufschlüsselung der Probleme der o. g. Literaturen bei.

Innerhalb kurzer Zeit nach der Schöpfung des armenischen Alphabets, auch das "goldene Zeitalter" der armenischen Literatur genannt (405 bis 451), entstanden durch den Einsatz von Mesrop Maschtotz (360-440) und Sahak Partew (348-439) mit Hilfe ihrer Schüler die Übersetzungen der wichtigsten theologischen und patristischen Werke der damaligen christlichen Weltliteratur.
Hervorzuheben sind vor allem die armenische Übersetzung der Bibel, die als Königin der Übersetzungen gilt, sowie Übersetzungen der Schöpfungen der griechischen Antike, die für die reflektierte Verarbeitung des christlichen Kulturgutes relevant waren.

Besonders die philosophischen und theologischen Arbeiten der Griechen inspirierten die armenische Kultur und Wissenschaft. Die Werke von Plato, Aristoteles, Proklos und Iamblichus mit ihren zahlreichen auch einheimischen Auslegungen wurden von mehreren Generationen von Schreibern in den zahlreichen Klosterskriptorien kopiert. Durch diese frühen altarmenischen Übersetzungen sind viele im Original verlorene Werke der griechischen Autoren für die Weltliteratur gerettet worden.

In der altarmenischen Sprache ist eine überaus umfangreiche Literatur überliefert (sowohl Originalals auch Übersetzungsliteratur), die das politische, wirtschaftliche, soziale sowie religiöse und kulturelle Leben Armeniens und seiner Nachbarn von den ersten Jahrhunderten nach Christus bis zur neueren Zeit tradiert hat. Diese Literatur ist gegenüber den anderen Sprachen und Literaturen weniger bekannt, ediert und übersetzt.

Auch die vorchristliche mündliche Tradition (Mythologie und Folklore) wurde zum Teil in den Werken der christlichen Autoren schriftlich fixiert. So z. B. die Mythen und Sagen vom Kampf des Stammvaters Hajk gegen den assyrischen Tyrann Bel und des armenischen Königs Ara des Schönen gegen die in ihn verliebte assyrische Königin Semiramis, von der Liebesgöttin Astghik und dem armenischen Hercules, dem Drachentöter Vahagn, dessen Geburt in dem schönsten Hymnus der klassisch-armenischen vorchristlichen Literatur dargestellt ist.

Die zeitgenössische armenische Kunst und Literatur nährt sich von den Wurzeln der ruhmvollen Traditionen ihrer Kultur und mit diesem stolzen Erbe nehmen sie an den modernen Entwicklungsprozessen der Weltkultur teil.

Das Seminar

In unserem Seminar besteht die Möglichkeit, Alt-, Mittel- und Neuarmenisch (Ost- und Westarmenisch) zu lernen und Textquellen aller Perioden der armenischen Literatur kennen zu lernen.
Es wird auch vergleichende Lektüre der altarmenischen Übersetzungen mit der griechischen, syrischen und lateinischen Originalliteratur angeboten.

Einführende Literatur

  • Inglisian, V.: Die armenische Literatur, in: Handbuch der Orientalistik, VII Bd. Armenisch und Kaukasische Sprachen, Leiden / Köln, 1963.
  • Haussig, H. W.: Einleitung zur armenischen Mythologie, in: Wörterbuch der Mythologie, Bd. II, Stuttgart.
  • Greppin, J. A. C.: Studies in classical Armenian Literature, New York 1994.
  • Thomson, R. W.: Studies in Armenian Literature and christianity (Variorum CSS 451), Gr. Britain 1994.
  • Etmekjian, J.: History of Armenian Literature (5.-13. centuries), New York 1985.
  • Lehmann, H.; Weitenberg J. J.S.: Armenian Texts, tasks and tools, Aarhus / Oxford 1993 (Acta Jutlandica LXIX: 1/Humanities Series 68).
  • Stone, M. E.: Selected studies in Pseudepigrapha and Apokrypha, Leiden / New York / Köln 1991.
  • Thorossian, H.: Histore de la littérature arménienne, Paris 1951.

Das armenische Alphabet - Entstehung und Bedeutung 

Die armenische Schrift wurde von Mesrop Maschtotz (360-440) geschaffen. Ursprünglich ein hoher Kanzleibeamter und ein von den Soldaten beliebter Befehlshaber am königlichen Hof der armenischen Arschakidenkönige, zog er sich später als Mönch vom weltlichen Leben zurück und übernahm die Aufgabe, die armenische Schrift als Mittel zur Rettung der armenischen Identität zu schaffen.
Mit der Unterstützung des damaligen Katholikos Großarmeniens Sahak Parthew (387-439) und des Königs Vramschapuh (388-413/14) sammelte er um sich junge Männer, die zum Teil wie er eine gute Ausbildung in den damaligen Bildungszentren Athen, Cesarea, Edessa, Kostantinopel und Alexandria genossen hatten. Mit ihnen reiste er nach Edessa, Amida und Samosata, mit dem Ziel, das Vorhaben der Erschaffung des armenischen Alphabets zu verwirklichhen.
Dabei hatte er sowohl eine wissenschaftliche als auch eine diplomatische Mission. Einerseits sollte er sich in den berühmten Bibliotheken und in Gesprächen mit syrischen und griechischen Gelehrten um die Erschaffung eines eigenständigen armenischen Alphabets bemühen. Andererseits mußte er diese Aktion mit den fremden Herrschern der beiden Teile Armeniens abstimmen.

Das armenische Alphabet, das bis heute unverändert genutzt wird, ist Zeugnis einer enormen sprachwissenschaftlichen Leistung. Es war nicht einfach, die Phoneme der armenischen Sprache zu identifizieren und für jeden Buchstaben ein Graphem nach dem 1:1-Prinzip zu schaffen. Die damals gängigen, meist auf semitischen oder griechischen Vorlagen basierenden Schriftsysteme, hatten durchschnittlich 22 bis 24 Buchstaben. Das armenische phonetische System zählt 36 Lauten. So mußten etwa 14 Phoneme neu definiert und schriftlich fixiert werden.
In der Wahl der Schreibrichtung und Buchstabenreihenfolge richtete sich Mesrop nach dem damals modernsten phonetischen Schriftsystem, dem griechischen Alphabet. Die Kallygraphie der allerdings von den griechicshen Buchstaben differierenden Schriftzeichen schuf er in Zusammenarbeit mit dem griechischen Kallygraphen Hropanos.

Mit dem neuerschaffenen Alphabet kam Mesrop Maschtotz nach Edschmatzin. Korjun, der Biograph Mesrops, vergleicht seine Ankunft vom Berg Ararat mit der des Mose, der mit den Gebotstafeln vom Berg Sinai herabkam. Mesrop trug die Heiligen Schriftzeichen, die wunderbaren Lettern des armenischen Alphabets.

Matenadaran, das Handschrifteninstitut in Jerewan, trägt den Namen von Mesrop Maschtotz. Wie in einer Schatzkammer werden dort mehr als 10.000 Manuskripte bewahrt und untersucht.
Aus der ganzen Welt pilgern Armenier dorthin, oft um bestimmte Manuskripte zu sehen und zu lesen. Diese Bücher sind in märchenhaften Einbänden aus Gold und Edelsteinen, Elfenbein und Silber gebunden. Sie sind mit faszinierenden Farben aus Pflanzen und Insekten gestaltet. Lazurblau, Purpurrot und Goldgelb, die Lieblingsfarben der berühmten armenischen Buchmalerei.

Armenuhi Drost-Abgarjan

Bildnachweise 

Kopfzeile:
siehe Impressum
Abb. 1:
Mankakan k’ristoneakan Hanragitaran, Erewan, "Areg", 1998. (S. 70)
Abb. 2:
Jean-Michel Thierry: Armenien im Mittelalter, Verlag Schnell & Steiner, Regensburg, 2002. (S. 155, Bild 97)
Abb. 3:
wie Abb. 2, (S. 261, Bild 171)
Abb. 4:
wie Abb. 1, (S. 96)
Abb. 5:
Kalender Armenien 2004, FPWC - Foundation for the Preservation of Wildlife and Cultural Assets in the Nature Reserves of the Republic of Armenia
Abb. 6:
wie Abb. 2, (S. 247, Bild 163)
Abb. 7:
wie Abb. 2, (S. 243, Bild 157)
Abb. 8:
wie Abb. 2, (S. 157, Bild 101)
Abb. 9:
Emma Korkhmazian, Irina Drampian, Gravad Hakopian: Armenian Miniatures of the 13th and 14th centuries, Aurora Art Publishers, Leningrad, 1984. (Bild 122)
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